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„Baumärkte offen, Kirchen zu. Das geht gar nicht“. So titelt die „Kleine Zeitung“ am Freitag der Osteroktav (17.4.). Der Schlachtruf bundesdeutscher Kulturkämpfer ist inzwischen auch im mittel- und südeuropäischen Raum angekommen. Und trifft in der Coronakrise den Nerv von vielen Gläubigen, die im Lockdown ernsthaft um ihr Gebetsleben fürchten und deren Seele aufrichtig in Unruhe geraten ist. Den medialen Wirbel losgetreten hatte eine Splittergruppe in Berlin, die sich von niemandem verbieten lassen will, Gottesdienst zu halten. Auch von einer Seuche nicht.

Flugs waren die Fronten im diskursiven Stellungskrieg gezogen: Hier die Aufrechten, die der Botschaft Treuen. Dort irgendwelche „linksgrünversiffte“ Regierungspolitiker, die mit Segen von „Lapsi“[1]-Bischöfen der Kirche Christi den Garaus machen wollten. Wieder einmal sind die Menschen aufgefordert, die (richtige) Seite zu wählen.

 

 

Nur mit Volk und Sakramenten ist Kirche

Von einem katholischen Standpunkt aus gesehen, liegen die Dinge eindeutig. Papst Franziskus wiederholt es seit Tagen: Die Sorge um die eigene Seele ist für jeden Menschen von existentieller Bedeutung. Für den Katholiken geschieht dies über die Teilnahme an den Sakramenten. Ebenfalls am Freitag der Osteroktav legt der Pontifex nach. Zum Tagesevangelium, das von den Jüngern erzählt, die am See von Tiberias mit dem Auferstandenen Fisch und Brot essen (Joh 21, 1-14), stellt der Papst klar: Jesus lebe eine „Trautsamkeit, die im Beisammensein des gemeinsamen Essens“ geschieht. Angewendet auf das heute, will Franziskus, dass allen eines klar bleibt: Die Maßnahmen in der Pandemie-Zeit „dienen dazu, den Tunnel zu verlassen, nicht um dort zu verbleiben“. Es gebe keinen „intimistischen Glauben“, keinen Glauben, der nur auf sich selbst bezogen sei. Oder der nur vom Computer übertragen werden könne. „Dies ist nicht die Kirche. Es ist die Kirche, die sich in einer schwierigen Situation befindet, die der Herr zulässt. Aber das Ideal der Kirche ist immer mit dem Volk und den Sakramenten.“ Sagt der Papst.

 

 

Kein Sakrament wird von einem Gericht erlaubt

So weit, so gut. Aber hätte man nicht zu Ostern die Menschen zur Messe lassen können? Und wie ist das jetzt mit dem säkularen Staat, der den Katholiken ihre Religionsausübung verbieten will? Zumindest für die katholische Kirche gilt: Kein Konkordat in Mitteleuropa ist so gelagert, dass ein Staat grundsätzlich Messen verbieten kann, wenn denn die Bischöfe es anders beschließen würden. Vor jedem Verbot beraten sich Regierungen mit den zuständigen Kirchenstellen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht anzurufen, ist also zweckbefreit. Es wird dabei genau so wenig mitreden, wie bei der Frage ob Weihekriterien der Geschlechtergerechtigkeit entsprechen. Auch keine Regierung würde sich trauen, ein generelles Verbot gegen den Willen der Bischöfe durchzusetzen. Nicht in Deutschland, nicht in Österreich und schon gar nicht in Italien.

 

Wir machen als Kirche keinesfalls den Bückling vor irgendeiner Regierung. Die Regierung entscheidet in ihrem Bereich, dort verbleibt sie und hat zu verbleiben. Aber wir haben unsere eigenen Gründe. (Bischof Antonino Raspanti)

 

Im Apenninen-Staat hat die Kirche schneller gehandelt als die staatlichen Stellen. Als die Erzbischöfe von Bologna und Mailand einseitig die Aschermittwoch-Feiern de facto aussetzten, war allen klar, dass das Virus in einen Lockdown führen würde. Inzwischen gibt es zwar jede Menge staatliche Regeln, die auch eine kirchliche Versammlung unter staatliche Strafe stellen, aber von einer “Einmischung” spricht nur eine Minderheit. „Wir machen als Kirche keinesfalls den Bückling vor irgendeiner Regierung. Die Regierung entscheidet in ihrem Bereich, dort verbleibt sie und hat zu verbleiben. Aber wir haben unsere eigenen Gründe“, sagt Antonino Raspanti noch in der Karwoche in einem Interview mit der Redaktion „La Stampa“. Raspanti ist Bischof von Acireale und einer von drei Vizepräsidenten der italienischen Bischofskonferenz CEI[2]. Und er fügt hinzu: „Stellen wir uns vor, von einer unserer Messfeiern würde ein neuer Infektionsherd ausgehen. Dann schon würden wir Krokodilstränen weinen, und ein mea culpa wäre scheinheilig.“

 

 

Vorbild Italien: Der Plan der Kirche

Wie beim Einführen der Maßnahmen werden Deutschland, Österreich und die anderen Staaten darauf achten, was die Italiener bzw. was die Kirche in Italien machen wird. Schon ab dem Weißen Sonntag wird es bezüglich Liturgie Lockerungen geben. Einige Bischöfe werden mit einem erweiterten Kreis an Mitarbeitern die Messe feiern und diese übertragen. Für den 4. Mai dann haben die Experten der Bischofskonferenz einen Stufenplan erarbeitet. Den sie nun mit den staatlichen Stellen abklären. „Wir gehen keinen Schritt zurück, auch, weil wir gezeigt haben, dass man in Sicherheit zelebrieren kann“, erklärt Ivan Maffeis. Der aus Trient stammende Priester ist Kommunikationsexperte und ein Untersekretär der CEI. Ab Mai soll es also wieder Messfeiern mit der Beteiligung einer größeren Anzahl von Menschen geben. Generell werden dann Vorschriften zum Abstandhalten, zum Tragen von Masken oder Handschuhen und zur Einhaltung genauer Hygiene-Vorschriften gelten. Den Journalisten von „Vatican News“ hat Maffei Details durchklingen lassen, die im Plan der Bischöfe stehen. Und deren Umsetzung sie jetzt noch abwägen. Entschieden werde in den kommenden Tagen.

 

  • Der Empfang der Kommunion wird wie vor dem Lockdown eine Zeit lang nur über Handkommunion möglich sein. Priester, Diakone und Kommunionhelfer sollen vor und nach der Darreichung die Hände desinfizieren.
  • Der Handschlag oder eine Umarmung beim Friedensgruß werden ausgelassen.
  • Innerhalb des Kirchenraumes soll ein Abstand von mindestens einem Meter vorgeschrieben sein. Dafür können sich einige Bischöfe vorstellen, dass Freiwillige am Eingangsportal auf eine Begrenzung der Teilnehmerzahl achten[3]. Die Anzahl der Teilnehmer soll sich nach der Größe der Kirche richten.
  • Es wird auch für Kirchenchöre oder Kirchenorchester eine vorgeschriebene Verkleinerung der Musiker geben, damit diese den Abstand einhalten können.
  • Ab dem 3. Mai soll es Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten geben. Die Anzahl der Teilnehmer wird aber begrenzt sein.
  • Erstkommunion und Firmungen werden auf Herbst verschoben.
  • Die noch weithin offene Frage betrifft die Wiederaufnahme der Pilgerfahrten. „Erst wenn wir wieder nach Lourdes oder ins Heilige Land pilgern können, werden wir wissen, dass die Notsituation vorbei ist“, sagt Maffei.

 

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich staatliche Stellen dem Plan der italienischen Bischöfe entgegenstellen. Einen Kulturkampf wird im virusgebeutelten Italien niemand draus machen. Covid19 hat allein in Italien über 100 Priester das Leben gekostet. Darunter auch einigen Bischöfen. Die Diskussion darüber, ob man früher aufsperren hätte können, ist für italienische Hirten insofern eher müßig. Es gibt Regionen auf der Welt, in denen Christen an der Ausübung ihres Glaubens gehindert werden. Und es gibt auch in Europa für Christen bisweilen Gegenwind. Aber nicht bezüglich Covid19. Im Notfall scheint wenig so zu funktionieren wie die kirchliche Hierarchie.

 

Bei Augustinus nachzulesen

Die Bischöfe wandern zwischen Verantwortung für die Gesundheit, die sie haben und der Obsorge um Sakramente, die ihnen zukommt. Ein Baumarkt ist da leichter zu organisieren. Von wegen „Lapsi“ – Die Job-Beschreibung für einen Bischof stammt von niemand Geringerem als Augustinus. Der leitet aus dem Neuen Testament einen regelrechten Aufgabenkatalog für einen Bischof ab:

„Die Unruhigen muss man tadeln, die Kleingläubigen trösten, die Schwachen annehmen, die Widersprechenden widerlegen, vor den Tückischen muss man sich hüten, die Unerfahrenen lehren, die Trägen antreiben, die Streitsüchtigen zügeln, die Überheblichen tadeln, die Verzweifelten aufrichten, die Streitenden befrieden, den Mittellosen helfen, die Unterdrückten befreien, die Guten bestätigen, die Bösen ertragen, alle lieben.“ (Sermones). Das ist es, was die meisten Bischöfe derzeit versuchen. Alles andere ist nicht katholisch.

 

 

[1] Als „Lapsi“ (vom lateinischen Verb “labi”, “gefallen sein”) bezeichnete man in der vom römischen Reich verfolgten Alten Kirche jene Christen, die dem Glauben abgeschworen hatten. Wie mit ihnen nach Beendigung einer Verfolgung umzugehen sei, war jahrhundertelang ein Streitfall.

[2] Die CEI, die „Conferenza Episcopale Italiana“ ist die italienische Bischofskonferenz. Sie zählt 233 Mitglieder und ist in 15 Regionalkonferenzen unterteilt. Als weltweit einzige BiKo wird ihr Vorsitzender nicht gewählt, sondern vom Papst ernannt. Seit 2017 steht ihr Gualtiero Kardinal Bassetti vor, der Erzbischof von Perugia.

[3] Bis 1972 waren Ostiarier (“Türhüter) geweihte Männer, die auf die Sicherheit und Ordnung im Kirchenraum geachtet haben. Im Zuge der Vereinheitlichung des Weiheamtes durch das Zweite Vatikanische Konzil hat Paul VI. das Amt abgeschafft.

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windl@turmderwinde.eu

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