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	<title>Gesellschaft Archives - Turm der Winde</title>
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		<title>Sozialethische Morgenlage: Kirche als Akteur im Staat</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jan 2024 09:44:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Orthodoxe Kirche in Russland ist größtenteils mit dem Staat verwoben. Spätestens seit Wladimir Michailowitsch Gundjajew im Jahr 2009 als Kyrill I. zum Patriarchen aufgestiegen ist, wähnt sie sich in einem Kulturkampf gegen liberale Werte des Westens. Aber nicht gegen</p>
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<p>Die Orthodoxe Kirche in Russland ist größtenteils mit dem Staat verwoben. Spätestens seit Wladimir Michailowitsch Gundjajew im Jahr 2009 als Kyrill I. zum Patriarchen aufgestiegen ist, wähnt sie sich in einem Kulturkampf gegen liberale Werte des Westens. Aber nicht gegen alle. Innerhalb der Orthodoxen Kirche gibt es Vertreter alternativer Standpunkte oder sogar Widerständler, aber von außen sind sie kaum wahrnehmbar. Das ist die Einschätzung von Regina Elsner, Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, die sie in einem Online-Gespräch der Reihe &#8222;Sozialethische Morgenlage Mitteleuropa&#8220; dargelegt hat. Die Serie ist ein Projekt der in Wien tätigen Vereinigung für Sozialethik in Mitteleuropa: Mit dem neuen Format lädt die Vereinigung regelmäßig zu einem Gedankenaustausch mit Wissenschaftern zu aktuellen Themen. Anmelden kann man sich <a href="http://www.christliche-sozialethik.de">online</a>. Einige Notizen eines Hörers.</p>



<p><strong>1. Vernunft als Teil des Glaubens</strong></p>



<p>Die Orthodoxen Kirchen in Osteuropa &#8211; und insbesondere jene in Russland &#8211; sind nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Sozialismus innerhalb weniger Jahre zu einer machtvollen Institution herangewachsen. Kirchliche Vertreter haben Einfluss auf Haltung und Überzeugungen vieler Menschen. Bischöfe wie Kyrill üben diesen Einfluss auch aus, indem sie gesellschaftliche Entwicklungen kommentieren und bewerten. Nachdem zu Beginn der 1990er Jahre die meisten anderen Institutionen aus der Sowjetzeit zusammengefallen waren, schenkten viele Menschen der intakt gebliebenen Kirche zunehmendes Vertrauen. Spätestens ab 1997 ist&nbsp;es zu einer verstärkten Kooperation zwischen Orthodoxer Kirchenführung oder Orthodoxen Theologen und staatlichen Machthabern gekommen.</p>



<p>Aus Sicht eines säkularen Staates stellt sich die Frage, welche Verpflichtungen nimmt der Staat Kirchen und kirchlichen Vereinigungen ab und welche Rechte gewährt er ihnen. Das geschieht in den meisten Staaten der Freien Welt in Prozessen jahrelanger Aushandlungen und auch nicht aus Gründen gnadenhafter Zugeständnisse der Kirche gegenüber, sondern wegen der Einsicht, dass Ausübung von Religion ein grundsätzlich den Bürgern zu garantierendes Recht ist. Ähnlich ist dieselbe Fragestellung aus der anderen Perspektive, jener der Religionsgemeinschaft, seit Jahrhunderten ein prozesshaftes Ringen: Welche Beziehung soll eine Glaubensgemeinschaft oder sollen die Gläubigen zum Staat und dessen Machtstrukturen unterhalten? In jüdisch-christlicher Vorstellung ist die Frage nach der angemessenen Beziehung auch eine Glaubensfrage, insofern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs immer auch weltimmanent in der Geschichte wirkt. Das ist biblisch gut grundiert und im Christentum seit seinen Anfängen eine beständig neu auftretende Frage. Insofern Gott neben allem Anderen in der Welt auch die nicht gläubigen Herrscher oder säkulare Machtstrukturen will oder zumindest zulässt, steht ihre grundsätzliche Legitimität theologisch außer Zweifel. Was natürlich nie heißen kann, dass der einzelne Akt eines Herrschers göttliche Legitimation erfährt. Im Hintergrund leuchtet des Paulus holzschnitzartig formulierte Mahnung&nbsp;an die Christen in Rom auf, wonach sich jeder Mensch den Trägern staatlicher Gewalt unterzuordnen habe, denn &#8222;<em>es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt</em>&#8220; (Röm 13,1). Dabei&nbsp;geht es im Wesentlichen darum, dass Bürger ihren Glauben nicht in einen endzeitlichen Aufstand gießen, wie Bonhoeffer konstatiert, der die Gottgegebenheit von staatlicher Obrigkeit insofern begrenzt sieht, dass neben ihr andere Obrigkeiten wie bspw. die Familie dieselbe Autorität beanspruchen können und keine Obrigkeit die andere zu vereinnahmen hat<strong><sup>1</sup></strong>.&nbsp;Außer Frage steht, dass mit dieser Mahnung des Völkerapostels leicht Unrecht geschehen kann und geschehen ist. Einen negativen&nbsp;Höhepunkt konstruierten die deutschen Nationalsozialisten, die mit einer verzerrten Lektüre von Röm 13 den eigenen Totalitarismus als gottgewollt darzustellen suchten. Was nur mittels Auslassung wesentlicher Teile des paulinischen Textes möglich ist<strong><sup>2</sup></strong>.&nbsp;Paulus steht mit seiner Mahnung in der Tradition anderer diasporajüdischer Denker wie Philo und Josephus. Schlussendlich ist der Abschnitt eine Absage daran, das Evangelium zu einem revolutionären Akt zu degradieren, der die heidnische Herrschaft mit dem Reich Gottes ersetzen soll. Zudem steht der Integrationsaufruf unter den Vorzeichen fundamentaler&nbsp;Grundwerte wie beispielsweise der Nächstenliebe (Röm 13,8), Gerechtigkeit (Röm 13,5-6) oder Selbstverantwortung (Röm 12,2).</p>



<p>Der Versuch der Christen, die pantokratische Christologie oder den, aus dem Judentum übernommenen strikten Monotheismus mit einer Welt zu vereinen, die religiös pluralistisch und oft genug auch&nbsp;christenfeindlich ist, ist historisch von einmal mehr, einmal weniger starkem Erfolg geprägt. Katholischerseits scheint das Konzil zu sehr ähnlichen Überzeugungen gelangt zu sein wie zuvor Bonhoeffer (GS 73-76). Wesentlich ist dabei, dass sowohl der individuelle Mensch&nbsp;als auch die kollektive Gemeinschaft&nbsp;eine saubere Trennung der Lebensbereiche vornimmt: &#8222;<em>Sehr wichtig ist besonders in einer pluralistischen Gesellschaft, daß man das Verhältnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, so daß zwischen dem, was die Christen als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird</em>&#8220; (GS 76). In diesem Grundsatz&nbsp;offenbart sich ein erstes Problem der theologischen Aufladung des russischen Patriarchen, mittels derer er den Kriegszug gegen die Ukraine zu rechtfertigen sucht. Kyrill positioniert die Russisch-Orthodoxe Kirche in einem „<em>metaphysischen Kampf</em>“, bei dem es gelte, sich „<em>auf Seiten der Wahrheit Gottes,&nbsp;auf Seiten dessen, was uns das Licht Christi, sein Wort, sein Evangelium offenbare</em>n“ zu stellen. Die Regierung im Kreml ist also ein heilbringendes, ein soteriologisches Instrument geworden. Aufrechterhalten lässt sich diese Zuschreibung allerdings nur, solange der Patriarch wesentliche Aspekte des russischen Handelns auslässt:&nbsp;Todesopfer, Vergewaltigungen, Verschleppungen und nicht zuletzt der nicht zu&nbsp;leugnende Bruch internationaler Vereinbarungen. Im katholischen Verständnis sind Gerechtigkeit und Vernunftgebrauch aber nicht nur optionaler Zusatz, sondern wesentlicher Bestandteil des Glaubens. Darauf wies 2010 Papst Benedikt XVI.&nbsp;vor dem deutschen Bundestag hin und zitierte in diesem Zusammenhang nicht zufällig das berühmte Wort des Augustinus von der&nbsp;Räuberbande des rechtsfreien Staates: Auf Augustinus hatte sich schon Sophie Scholl bezogen.&nbsp;Entscheidend bei der Feststellung dessen, was Recht ist, sei es, dass&nbsp;Vernunft und Natur aufeinander bezogen werden müssten, konstatierte dabei Ratzinger. Wendet man nun den Grundsatz auf die&nbsp;Parteinahme des Patriarchen an, wird schnell klar, dass seiner Einordnung in das Kreml-System eine beschädigte Theologie zugrunde liegt. Wer seiner Argumentation folgt oder Verständnis für die russische Position im Krieg gegen die Ukraine signalisiert, muss erklären, wie er die Elemente offensichtlichen Unrechts rechtfertigt.</p>



<p><strong>2. Mit wem wir (nicht mehr) sprechen</strong></p>



<p>Es scheint so, dass der Diskurs innerhalb der Russischen Orthodoxie genauso wenig einhellig ist wie in der russischen Gesellschaft insgesamt. Widerstand organisiere sich vorwiegend in der Auslandscommunity, innerhalb Russlands träten Dissidenten immer weniger öffentlich in Erscheinung, erzählt Elsner während der Morgenlage. Im März 2022 haben sich ca 300 Priester der Orthodoxen Kirche in einem Offenen Brief gegen den Krieg ausgesprochen. Im Großen und Ganzen bleibt der Widerstand aber im Untergrund. Das Regime im Kreml ist auch auf Diskurshoheit bedacht und investiert einiges im In- und Ausland, diese Diskurshoheit zu erlangen oder zu bewahren. Dazu gehört auch die Verfolgung von Dissidenten und deren Familien. Vor diesem Hintergrund sind auch all jene Versuche einzuordnen, Gespräche mit Offiziellen oder Kirchenvertretern für das eigene Narrativ zu instrumentalisieren. Aus der eigenen Erfahrung in Osteuropa empfiehlt Elsner deswegen, &#8222;<em>dass man mit der Kirchenleitung überhaupt keinerlei Kontakte mehr pflegen sollte</em>&#8222;, derlei Anstrengungen &#8211; auch ökumenischer Art &#8211; seien durchgängig instrumentalisiert worden.</p>



<p>Das verständliche Ansinnen, sich nicht für Propaganda instrumentalisieren zu lassen, eröffnet ein Dilemma: Einerseits führt Russland einen Informationskrieg, mit dem es auch im Ausland den Diskurs zu bestimmen sucht. Gesprächspartner zu haben, verleiht Legitimation. Demzufolge erscheint es angemessen, einem kriegerischen Regime nicht auch noch von außen solche Legitimation zu geben. Anderseits verbleibt einer christlich-sozial geprägten Anstrengung zum Frieden nur der Dialog. Vor dem Hintergrund, dass weiterhin die Mehrheit der Menschen in Russland hinter ihrer Regierung stehen, wird die Dialogbereitschaft sogar zur Verpflichtung. Insofern erscheinen auch die Dialog-Anstrengungen des Heiligen Stuhls weniger in &#8222;<em>mangelnder Kompetenz</em>&#8220;&nbsp;begründet, sondern sind Ausdruck einer konsolidierten Haltung oder Tradition: Für die vatikanische Diplomatie ist der Erhalt eines Gesprächsfadens ein übergeordnetes Ziel, für das sie unter Umständen &#8211; z.B. in China &#8211; sogar bereit ist, bei Glaubensinhalten Kompromisse einzugehen. Ausschließlich mit Oppositionellen zu sprechen, birgt mittelfristig die Gefahr, an Russland vorbeizureden. Es wird also eine beständige Abwägung brauchen, unter welchen Umständen und zwischen welchen Partnern Dialog angemessen erscheint.</p>



<p><strong>3. Wie universal&nbsp;&#8222;Menschenrechte&#8220; sind</strong></p>



<p>Innerhalb eines sozialethischen Diskurses scheint es einen universal gültigen Kanon zu geben, an dem Handlungen und Inhalte kirchlicher Institutionen gemessen und bewertet werden.&nbsp;Auch Prof. Elsner bezieht sich in der Auseinandersetzung mit der Rolle der Orthodoxen Kirche in Russland mehrmals auf Menschenrechte. So sei die russische Orthodoxie bezüglich freier Religionsausübung international zwar eine Vorkämpferin, Menschenrechte, die die individuelle Lebensweise schützen sollen, würden gleichzeitig oft gar nicht erst anerkannt oder beschnitten. Solche oder ähnliche Tendenzen sind auch in anderen Kirchen zu beobachten, in Russland erlaubt die Verzahnung mit staatlichen Machtstrukturen eine entsprechende Politik. Doch sind Menschenrechte überhaupt relevant zur Beurteilung religiöser Inhalte? In den meisten Staaten der Welt &#8211; nicht nur im Westen &#8211; würde diese Frage bejaht: Es herrscht breiter&nbsp;Konsens darüber, dass es Rechte gibt, die jemandem zukommen, insofern er Mensch ist. Aus christlicher oder katholischer Sicht speist sich der Grundsatz im biblischen Verständnis der Geschwisterlichkeit, die allen Menschen zuteil wird. Schwieriger ist es, die Menschenrechte zu beschreiben, also ihre konkrete Entfaltung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 hat zwar globale Anerkennung gefunden, ist aber ein juristischer Text, der abstrakte Ideale verbindlich machen will. Ihre Umsetzung hängt aber vom spezifischen sozio-kulturellen Kontext ab, wie jüngst auch Freistetter / Neuhold dargelegt haben.<strong><sup>3</sup></strong>&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Die quantitative und qualitative Erweiterung des Menschenrechtskataloges nach 1948 birgt jedoch die Gefahr einer Schmälerung des Konsenses und damit der Wirksamkeit der erklärten Ideale insgesamt: &#8222;<em>Es ist gängige Praxis geworden, dass Gruppen ihre eigenen &#8218;Menschenrechte&#8216; als Kampfinstrumente gegen die &#8218;Menschenrechte&#8216; anderer Gruppen einfordern.</em>&#8222;<strong><sup>4</sup></strong> Realistischerweise kann man annehmen, dass weder die russische Orthodoxie noch der Freie Westen mittelfristig von seinem eigenen Menschenbild Abstand nehmen oder jeweils zentrale Inhalte aufgeben wird. Vor dem Hintergrund des Ringens um Diskurshoheit erscheint es jedoch ratsam, in eine Auseinandersetzung das Gemeinsame zu betonen und nicht mit einem vage definierten Menschenrechts-Begriff zu gehen, der dann Anlass bietet, dem Westen einen Werte-Imperialismus und kulturellen Kolonialismus vorzuwerfen.</p>



<p><strong>4. Welche Gesellschaft zivil ist</strong></p>



<p>Die Frage, wie sich Kirche &#8211; im Fall Russlands eben die Russisch-Orthodoxe Kirche &#8211; zum Staat positioniert, lässt sich durchaus weiter fassen: Wie integriert sich Kirche angemessen in eine Gesellschaft? Bereits Hannah Arendt hat Widersprüchlichkeiten in der Entwicklung des Gesellschaftsbegriffes aufgezeigt und darauf hingewiesen, wie sich auf der Ebene von Gesellschaft die Sphären des privaten Haushaltes und der öffentlichen Politik annähern bzw. vermischen.</p>



<p>Hängt auch der Bedeutungsinhalt von &#8222;Gesellschaft&#8220; vom Fach ab, über das man sich ihm nähert, so kann man dennoch grob feststellen, dass Gesellschaft eine Gemeinschaft von Personen umfasst, die auf irgendeine Weise miteinander interagieren. Problematischer und in sozialethischen Debatten zunehmend eine Herausforderung ist der Begriff der &#8222;Zivilgesellschaft&#8220;. Geformt hat den Begriff Antonio Gramsci, der darin all jene Gemeinschaften zusammenfasste, die nicht staatlich sind, insofern er jede staatliche Einrichtung als eine Art martialisches Instrument verstand, die&nbsp;zur Unterdrückung der Arbeiterklasse diente.&nbsp;&nbsp;&#8222;Zivil&#8220; versteht sich dabei als Gegenteil der martialischen Staatsorgane. Die Begriffsverwendung hat sich inzwischen gewandelt. Heute beschreibt Zivilgesellschaft&nbsp;&#8222;<em>(&#8230;) einen Bereich innerhalb der Gesellschaft, der zwischen dem staatlichen, dem wirtschaftlichen und dem privaten Sektor angesiedelt ist. Die Zivilgesellschaft umfasst die Gesamtheit des Engagements der Bürger eines Landes – zum Beispiel in Vereinen, Verbänden und vielfältigen Formen von Initiativen und sozialen Bewegungen. Dazu gehören alle Aktivitäten, die nicht profitorientiert und nicht abhängig von parteipolitischen Interessen sind.</em>&#8222;<strong><sup>5</sup> </strong>Der Begriff &#8222;Zivilgesellschaft&#8220; erscheint in der Öffentlichkeit häufig als qualitative Beschreibung des Nicht-Verzweckten, des absichtslosen Engagements für das Gemeinwohl. Im Idealfall entspringt &#8222;Zivilgesellschaft&#8220; der Graswurzel Bevölkerung: Bürger engagieren sich ohne weitere strategische Absichten für ein wichtiges und gemeinwohlorientiertes Anliegen. Bekannte Beispiele sind die Bürgerrechtsbewegung in der ehemaligen DDR, die zum Fall der Berliner Mauer geführt haben oder auch in kleinerem Maßstab Verbände Freiwilliger Feuerwehren.&nbsp;Im Falle Russlands konstatiert Elsner eine Zivilgesellschaft, die allenfalls im Untergrund tätig ist. Im Gegensatz dazu hätten andere Länder Osteuropas stärkere zivilgesellschaftliche Strukturen, die dem Staat und den Kirchen gegenüber als Korrektiv auftreten.</p>



<p>In einer multipolaren Kommunikationsgesellschaft mit einem stark strukturierten Dienstleistungssektor verschwimmen aber zunehmend die Abgrenzungen der Bereiche. Das gilt insbesondere für den Diskurs auf globaler Ebene. Größere Verbände unterhalten zur Erreichung ihrer Vereinszwecke auch grenzüberschreitend wirtschaftliche Tätigkeiten und sind mitunter auch parteipolitisch vernetzt, wie die jüngsten Diskussionen um das bundesdeutsche Recherchenetzwerk Correctiv oder die Mittelmeer-Aktivitäten des Vereines Sea Watch&nbsp;nahelegen.&nbsp;&nbsp;Für eine transparente Debatte erscheint es deswegen zielführender, auf die qualitative Klassifizierung von Interessensgemeinschaften zu verzichten und stattdessen eine Gesellschaft in der Gesamtheit der in ihr wirkenden Akteure zu betrachten.&nbsp;In sozialethischer Hinsicht ist es nämlich schwer belegbar, wieso etwa die Organisation Global 2000 mit dem Prädikat &#8222;zivilgesellschaftlich&#8220; versehen werden kann und die Arbeiterkammer eben nicht.&nbsp;</p>



<p><strong>Was bleibt</strong></p>



<p>Insgesamt kann man feststellen, dass der Überfall Russlands auf die Ukraine eine ganze Reihe an sozialethischen Beobachtungen offenbart hat, die bereits vorgelegen waren, die aber seit Februar 2022 unübersehbar aufgebrochen sind:</p>



<p>&#8211; Das Regime von Vladimir Putin hat ungefiltert gezeigt, dass es für den Erhalt der Macht bereit ist, Krieg zu führen, Gegner im In- und Ausland zu verfolgen und auszuschalten. Ein wesentlicher Faktor bei der Absicherung seiner Macht kommt kirchlichen Akteuren zu. Vor diesem Hintergrund stellt sich christlicherseits neu die alte Frage, wie eine angemessene Positionierung von Kirche zu Staat&nbsp;überhaupt zu gestalten ist.</p>



<p>&#8211; Im Lichte des &#8222;hybriden&#8220; Informationskrieges, den Russland nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland führt, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen mit den Verantwortlichen in Moskau überhaupt ein Dialog möglich und wünschenswert ist. Sozialethisch erscheint eine völlige Einstellung des Dialoges undenkbar, insofern die Alternative zum Gespräch immer das Gefecht ist.&nbsp;</p>



<p>&#8211; Maßstab christlich-sozialer Reflexionen sind in einer pluralistischen Welt Menschen- und Bürgerrechte. Allerdings wird in jedem Kommunikationsgeschehen aufs Neue auszutarieren sein, wer konkret was darunter versteht. Eine umfassende Reflexion über Menschenrechte kommt also nicht umhin, am eigenen Menschenbild zu arbeiten. Anthropologische Vorstellungen sind aber nicht universal gültig, sondern unterliegen selber sozio-historischen Umständen.&nbsp;</p>



<p>&#8211; Im Sinne einer transparenten Debatte in der Öffentlichkeit erscheint es ratsam, offen darzulegen, wer welche Interessen vertritt: Die Gesellschaft ist eine Einheit mit unterschiedlichen, im Idealfall gleichermaßen legitimierten Akteuren. Eine Entgegensetzung von glaubwürdigeren &#8222;Zivilorganisationen&#8220; und weniger glaubwürdigen staatlichen Einrichtungen führt mittelfristig zu Verwirrung.&nbsp;</p>



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<p><strong>1</strong>&nbsp;Bonhoeffer, Dietrich: Theologisches Gutachten: Staat und Kirche, in: Glenthøj, Jørgen / Kabitz,&nbsp;Ulrich&nbsp;/ Krötke, Wolf (Hg.): Bonhoeffer, Dietrich. Konspiration und Haft. 1940-1945. Gütersloh:&nbsp;Gütersloher&nbsp;Verlagshaus, 1996, (= DBW 16), 506–535.</p>



<p><strong>2</strong> Windegger, Moritz: Alle sind Diener Gottes.&nbsp;Einwirkungen jüdischer Theologie auf das Verständnis von Staat und&nbsp;Gläubigen in Röm 13,1-7,&nbsp;Graz 2023, 32-40.&nbsp;</p>



<p><strong>3</strong> Freistetter, Werner / Neuhold, Leopold: In Zeiten der Krise. Herausforderungen für Gesellschaft und Kirche, Wien 2023, 98-99.</p>



<p><strong>4</strong> op. cit., 101.&nbsp;</p>



<p><strong>5</strong>&nbsp;<a href="https://www.bmz.de/de/service/lexikon#lexicon=14976">https://www.bmz.de/de/service/lexikon#lexicon=14976</a></p>
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		<title>Sterbehilfe, Schirachs Gott und die kleine Alta, für deren Überleben zu streiten sich lohnt &#8211; Teil II/II</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Aug 2021 23:09:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nachdem in mehreren europäischen Ländern und auch in Österreich neue Gesetze anstehen (Hier zum Teil I des Beitrages), die das Beenden menschlichen Lebens regeln sollen, ist eine Auseinandersetzung geboten: Was sollen wir als Gesellschaft zulassen? Was können wir fördern? Und</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem in mehreren europäischen Ländern und auch in Österreich neue Gesetze anstehen (<a href="https://turmderwinde.eu/gesellschaft/966/">Hier zum Teil I</a> des Beitrages), die das Beenden menschlichen Lebens regeln sollen, ist eine Auseinandersetzung geboten: Was sollen wir als Gesellschaft zulassen? Was können wir fördern? Und wohin führt uns das? Erhellend dabei ist der Fall des jüdischen Mädchens Alta Fixsler. Über dessen Schicksal im Vereinigten Königreich Justiz und Diplomatie ringen.</p>
<p>Es besteht also Diskussionsbedarf über den Willen eines Menschen und dessen erklärter Freiheit. Vor allem dann, wenn der freie Wille des Einzelnen maßgebliche Grundlage für neue Gesetze sein soll. Und genau an diesem Punkt erleben wir in manchen Ländern eine erhebliche Verschiebung. Immer öfter wird der freie Wille außerhalb des Betroffenen formuliert. Oder sagen wir hin-delegiert. Von kontinentaleuropäischen Beobachtern fast gänzlich unbeachtet, erlebt das Vereinigte Königreich seit Monaten eine regelrechte Gerichtsschlacht um das Leben eines zweijährigen Mädchens<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a>. Alta Fixsler ist das (inzwischen zwei Jahre alte) Kind zweier chassidischer Eltern. Ihre Eltern sind israelische Staatsbürger, der Vater zusätzlich auch US-Bürger. Alta wurde zu früh geboren und leidet an schweren Hirnschäden. Sie wird künstlich ernährt und wird &#8211; selbst wenn sie überlebt &#8211; wohl immer an ein Bett gebunden sein. Behandelt wird das Kind seit der Geburt an in der renommierten Kinderklinik Royal Children in Manchester. Die Verantwortlichen entschieden, dass das Mädchen &#8222;<em>keinerlei Lebensqualität</em>&#8222;<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> entwickeln könne und klagten bis zum Höchstgericht, um die lebenserhaltenden Maßnahmen abstellen zu dürfen. Die Eltern sind nach wie vor dagegen, andere Kliniken in den USA und in Israel waren bereit, das Kind zu übernehmen. Eine Fluglinie hat angeboten, Alta auszufliegen. Dem britischen Gesundheitssystem wären dafür keine Kosten entstanden. Zahlreiche Neurologen sehen den Entscheid in Manchester kritisch. Doch die Debatte ist nicht nur medizinisch: Den Höhepunkt erreicht die Schlacht im Juni, als ein High-Court-Richter die behandelnden Ärzte bestätigt und allen Ernstes urteilt, es sei &#8222;<em>in Altas bestem Interesse, dass die Behandlung, die derzeit ihr kostbares Leben erhält, jetzt eingestellt wird</em>&#8222;<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a>. Eine Gerichtsinstanz und wenige Wochen zuvor hatte ein Gericht die Glaubensgründe der Eltern abgewiesen und festgestellt, &#8222;<em>dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass das kleine Kind, das kognitiv beeinträchtigt ist, zwangsläufig dieselbe Religion wie seine Eltern annehmen wird.<a href="#_ftn4" name="_ftnref4"><strong>[4]</strong></a></em>&#8220; Kannten wir bisher das Beharren auf übertriebenen medizinischen Maßnahmen zur Lebensverlängerung von Hirntoten, so erlebt Das Vereinigte Königreich jetzt eine neue Art vom Verbissenheit: die juristische Verbissenheit zur Durchsetzung von Maßnahmen, die das Leben beenden. Ist das Ansinnen der Autoritäten, unbehebbare Qualen nicht zu prolongieren, noch einigermaßen nachvollziehbar, lassen sie einen Teilaspekt aus: Es kann keine Lebensqualität zu bewahren sein, wenn es kein Leben mehr gibt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Verschiebung der Grenzen</strong></p>
<p>Wie der Fall Alta Fixsler ausgehen wird, ist inzwischen offen: Über die britische Regierung hatte sich der damals noch amtierende Präsident Israels, Reuven Rivlin, eingeschaltet: die Behörden sollten das Mädchen doch bitte einfach nach Israel ausreisen lassen. Neben Religionsvertretern meldeten sich auch zahlreiche Intellektuelle: „<em>It is time to bring little Alta home, for all our sakes</em>“<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a>. Und selbst der US-Senat hat zu einem erstaunlichen Miteinander gefunden: Unter der Führung des demokratischen Mehrheitsführers, Chuck Schumer, verabschiedete eine lagerübergreifende Mehrheit von Senatoren eine Petition, die die US-Staatsbürgerschaft für das zweijährige Mädchen forderte. Schumer begründete das damit, dass Altas Vater selbst US-Amerikaner sei. Mit der Staatsbürgerschaft müsse die Überstellung in die USA zugelassen werden. Meint Schumer. Der erstaunliche Punkt hingegen ist, dass dieser Fall im deutschen Sprachraum kaum Beachtung findet. Denn hier wird von einer Gruppe Ärzten in Anspruch genommen, dass sie den Willen eines Menschen definieren können, der selbst nicht dazu in der Lage ist. Und zwar frontal gegen denselben Anspruch der Eltern und juristischen Vertreter desselben Menschen. Das ist nicht nur die Negation jedes, auch noch so ausjurisdiziertem Sorgerechtes, es stellt auch eine philosophische Frage: Kann es sein, dass &#8211; einem Algorithmus oder einer Gleichung ähnlich &#8211; irgendwo in einem Gesetz eine Formel abgespeichert wird, nach der die Lebensqualität eines Menschen beurteilt wird? Der Dammbruch<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a>, vor dem viele Sterbehilfe-Skeptiker warnen, ist nicht ein quantitativer, er ist ein qualitativer: Es bedarf immer weniger, um in einen Rechtfertigungszwang zu geraten, weiterleben zu dürfen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Erster Schluss: Der Gläubige hat ein Recht</strong></p>
<p>Ferdinand von Schirach lässt in seinem Stück den Sterbehilfe-Anwalt zum Schluss kommen, dass das vorbehaltlose Bekenntnis zum Leben &#8222;<em>einen ganz bestimmten Glauben an einen ganz bestimmten Gott voraussetzt</em>&#8222;<a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a>. Und vermutlich stimmt es: Es ist ihr Glaube an den Allmächtigen, der die Eltern von Alta Fixsler davor bewahrt hat, vor dem immensen Druck irgendwann einzuknicken. Tatsächlich erzählt die Bibel an mehreren Stellen von selbst herbei geführter Tötung: Mindestens achtmal die Hebräische Bibel, das Alte Testament<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a>, und einmal das Neue Testament: Anders als Lukas (Apg 1,18) erzählt der Evangelist Matthäus das Ende des Jesus-Verräters Judas als Suizid (Mt 27,5). Joachim Lauer hat dabei herausgearbeitet, dass sich die Schrift sowohl einer grundsätzlichen Reflexion über Selbsttötung als auch einer abschließenden moralischen Bewertung derselben entzieht. Klar ist aber, dass sich sowohl das Christentum als auch das Judentum im Laufe der Zeit zu einer eindeutigen Ablehnung von Selbsttötung hin entwickelt. Es darf wohl unbestritten gelten, dass der Wille von Gläubigen auch innerhalb eines säkularen Staates zu respektieren ist. &#8222;Their body, their choice&#8220; wird in diesem Zusammenhang zum Schlagwort der freien Religionsausübung. Und zwar ohne, dass irgendwer diesen Menschen unterstellt, sie wüssten nicht so recht, was sie tun, und man müsse ihnen den Entscheid zum Sterben quasi abnehmen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Zweiter Schluss: Ein säkulares Bedürfnis</strong></p>
<p>Doch selbst wenn wir von einer religiösen Vorbedingung absähen, bleiben Einsprüche und Zweifel an der Entstehung von Gesetzen zur Beendigung des Lebens, wie wir sie derzeit in mehreren europäischen Ländern erleben. Auch der säkulare Staat gründet im Wesentlichen auf die Selbstbestimmung der Person. Diese kann nur in gut argumentierten Fällen eingeschränkt werden. Völlig abwegig erscheint dabei, dass &#8211; wie im Fall von Alta Fixsler &#8211; den Willen einer Person in eine nicht näher definierte und größtenteils anonyme Grauzone verlegt wird: Es muss schon klar bleiben, wer warum und unter welchen Bedingungen eine Entscheidung über Leben und Tod trifft. Und wer schließlich die Verantwortung dafür übernimmt. Die Gesetzgeber machen es sich zu einfach, wenn sie nur ad hoc auf juristische Lücken reagieren: Das Ende des Lebens regeln zu wollen, ist keine Frage von Einzelgesetzen, in denen sich dann erneut Menschen mit anderen Schicksalen als dem Anfangsfall selber verlieren werden. Selbst in dem Fall, dass ein Mensch wie der bei Schirach beschriebene Franz Gärtner ein Recht auf Sterben durchsetzte, müssen wir eingestehen, dass dieser Fall zu einer Allgemeingültigkeit nicht taugt. Ein Sterbehilfe-Gesetz stellt die Frage nach dem Menschenbild, das wir als Gesellschaft bereit sind zu akzeptieren. Und die Beantwortung dieser Frage ist nicht mit zwei Sätzen in einem legislativen Hinterzimmer abgetan. Wir sollten uns die Zeit nehmen, denn es geht um das Leben selbst: Das verdient Diskussion, Debatte, auch Streit.</p>
<p>(mtz)</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Meotti, Giulio: Alta é degna di vivere. Condanata all’eutanasia dai soloni inglesi, la bimba ebrea salvata da America e Israele, in: Il Foglio (Quotidiano) XXVI / 158 (6.7.2021), S. 1 u. 4.</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> BBC-Bericht Judge rules Jewish girl&#8217;s life support can be withdrawn, in: <a href="https://www.bbc.com/news/uk-england-manchester-57276221">https://www.bbc.com/news/uk-england-manchester-57276221</a>, abgerufen am 27.7.2021.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Borchardt, Reuvain: Judge Denies Appeal Request by Family of Alta Fixsler, in: Hamodia. The Daily Newspaper of Torah Jewry, <a href="https://hamodia.com/2021/07/09/judge-denies-appeal-request-family-alta-fixsler/">https://hamodia.com/2021/07/09/judge-denies-appeal-request-family-alta-fixsler/</a>, abgerufen am 27.7.2021.</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Aharoni, Leah: Why we should everything to save 2-year-old Alta Fixsler – comment, in: The Jerusalem Post, 18. Juli 2021, <a href="https://www.jpost.com/opinion/why-we-should-everything-to-save-2-year-old-alta-fixsler-comment-674242">https://www.jpost.com/opinion/why-we-should-everything-to-save-2-year-old-alta-fixsler-comment-674242</a>, abgerufen am 27.7.2021.</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> Vgl. Vgl. Schirach von, Ferdinand: Gott. Ein Theaterstück, München 2020, S. 46-47.</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> Schirach von, Ferdinand: Gott. Ein Theaterstück, München 2020, S. 108.</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> Abimelech (Ri 9,50-56), Simson (Ri 16,28-31), Saul (1Sam 31,4-13), Ahitofel (2Sam 17,23), Simri (1Kön 16,18-20), Eleasar (1Makk 6,43-46), Ptolemäus Makron (2Makk 10,12-13), Rasi (2Makk 14,41-46).</p>
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		<title>Sterbehilfe, Schirachs Gott und die kleine Alta, für deren Überleben zu streiten sich lohnt &#8211; Teil I/II</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Aug 2021 11:35:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es findet eine auffällig ruhige Debatte in Österreich statt, seit das Verfassungsgericht im Dezember 2020 das bis dahin geltende Verbot zur Beihilfe zum Suizid gekippt hat. Die Folge: Die Politik ist seit Jahresbeginn angehalten, ein entsprechendes Gesetz neu zu formulieren.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Es findet eine auffällig ruhige Debatte in Österreich statt, seit das Verfassungsgericht im Dezember 2020 das bis dahin geltende Verbot zur Beihilfe zum Suizid gekippt hat. Die Folge: Die Politik ist seit Jahresbeginn angehalten, ein entsprechendes Gesetz neu zu formulieren. Und zwar für ein Themenfeld, das viele Menschen in existentieller Hinsicht betrifft. Umso unverständlicher ist es, dass die Debatte kaum stattfindet. Und dass auch Entwicklungen anderer Länder kaum Widerhall in Österreich finden. So wie der Fall eines zweijährigen Mädchens in Manchester. Welcher die gesetzgeberische Verbissenheit als widersprüchlich entlarvt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Nur in einem einig: Mehr Diskussion notwendig</strong></p>
<p>Am Tag der Urteilsverkündung in Österreich gab es Reaktionen. Erzbischof Franz Lackner &#8211; nicht nur Vorsitzender der Bischöfe, sondern auch der ausgebildete Philosoph unter den heimischen Hirten &#8211; legte die Hand in die (rechtsphilosophische) Wunde: &#8222;<em>Jeder Mensch in Österreich konnte bislang davon ausgehen, dass sein Leben als bedingungslos wertvoll erachtet wird &#8211; bis zu seinem natürlichen Tod. Diesem Konsens hat das Höchstgericht mit seiner Entscheidung eine wesentliche Grundlage entzogen. Es verlangt nunmehr von der Rechtsordnung, Situationen zu nennen, in denen nicht nur akzeptiert werden soll, wenn sich jemand das Leben nimmt, sondern in denen er noch dazu dabei unterstützt werden soll.</em>&#8222;<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> Auch die Novellierung des Gesetzes müsse dem Grundkonsens Rechnung tragen, wonach jeder Mensch wissen soll, &#8222;<em>dass sein Leben für uns wertvoll ist.</em>&#8222;<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> Auf der anderen Seite beeilte sich der Bioethiker Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien, festzustellen, dass das Urteil das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen stärke: &#8222;<em>Das Recht auf Leben bedeutet keine Pflicht zum Leben, wie schon das Instrument der Patientenverfügung zeigt, mit der ein Patient lebenserhaltende Maßnahmen ablehnen kann</em>&#8222;<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a>, sagte Körtner. Er hoffte auf eine breite Debatte: &#8222;<em>Es wird auch darüber zu diskutieren sein, welche flankierenden Maßnahmen zum Schutz besonders vulnerabler Menschen vor familiärem und gesellschaftlichem Druck auch jenseits gesetzlicher Bestimmungen zu ergreifen und auszubauen sind</em>.&#8220;<a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Besser wäre heftiger Widerstreit</strong></p>
<p>Allein Verfassungsministerin Karoline Edtstadler meldet sich von Zeit zu Zeit und steckt für die Koalitionspartei ÖVP die Roten Linien ab: Sie will keine Kommerzialisierung der Sterbehilfe und ist für ein Werbeverbot. Im grün geführten Justizministerium arbeitet man offenbar an einer Vorlage. Wie diese aussehen könnte, lässt sich Justizministerin Alma Zadic auch im Juli nicht entlocken. Dabei wäre etwas mehr Diskussion oder auch (argumentativer) Streit ausdrücklich nicht nur ein parlamentarischer Mehrwert: Wie auch immer das Gesetz ausschauen wird, es wird Grauzonen geben (<em>Wer darf was genau und unter welchen Umständen?</em>). Was viele Betroffene verunsichern wird. Außerdem werden sich Menschen plötzlich mit ureigentümlichen Ängsten konfrontiert sehen; und zwar ausgerechnet dann, wenn sie nicht mehr Zeit haben, sich darüber Gedanken zu machen (<em>Muss ich nach einem Unfall bis zum Nimmerleinstag dahinvegetieren?</em> Oder: <em>Entscheidet am Ende irgendwer anders darüber, ob ich sterben muss?</em>). Es wird sich Unsicherheit breit machen (<em>Wer kennt eigentlich den Unterschied zwischen &#8222;Indirekter&#8220; und &#8222;Passiver&#8220; Sterbehilfe?</em>). Die Qualität der Gesetzesnovelle wird auch davon abhängen, wie viele Menschen einigermaßen verstanden haben werden, was da beschlossen wird. Und welche Auswirkungen das neue Gesetz mit sich bringt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Freier Wille ist schnell gesagt</strong></p>
<p>Etwa zeitgleich mit dem Beginn der Novellierung in Österreich veröffentlichte der deutsche Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach sein Bühnenstück &#8222;Gott&#8220;.<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a> Das Stück stellt eine fiktive Diskussion vor dem Deutschen Ethikrat dar, bei der es um die Annahme geht, dass ein 78-Jähriger sein Leben beenden und dafür die Hilfe seiner Hausärztin in Anspruch nehmen möchte. Am Ende der Darbietung stimmen die Zuschauer des Bühnenstückes ab: Was soll erlaubt sein? Die Bedeutung des Stückes bedürfte einer eigenen Reflexion, nur zwei Beobachtungen dazu: Von Schirach gelingt, was ihm immer gelingt, nämlich eine konzise Beschreibung menschlicher Abgründe oder Ängste. Jeder, der einmal eine Diskussion über Sterbehilfe o.ä. geführt hat, weiß, dass solche Debatten genauso ablaufen wie in diesem Stück. Und zweitens:  Wird die Frage in der Perspektive des freien Willens gestellt, ist das Ergebnis vorhersehbar. Bei der Ausstrahlung der Aufführung stimmte sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine große Mehrheit für das Anliegen des 78-jährigen Richard Gärtner. Auch sehr viele gläubige Menschen sind der Ansicht: &#8218;Wenn wer nicht mehr will, soll man ihn lassen.&#8216; Der freie Wille des Menschen ist das hauptsächliche und auch das stärkste Argument der Befürworter. Daran ändert auch nichts, dass Von Schirach in seinem fiktiven Dialog genau hier den Anwalt von Richard Gärtner sprachlos sein lässt. Das einzige Mal, übrigens. Wollen wir einer 31-Jährigen, die aus Schuldgefühlen nicht mehr weiterleben will, nachdem sie Jahre zuvor ein Kind überfahren hat, wirklich ein tödliches Medikament in die Hand geben? Der freie Wille ist nicht etwas Abstraktes, das absolut zu setzen geht, wie G. W. F. Hegel einst ausführte. Freiheit ist ihm zufolge intersubjektiv. Was so viel bedeutet, als dass Freiheit überhaupt nur sein kann, insofern es eine Beziehung unter Subjekten gibt. Hatte Hegel Recht, und ließen wir die Frau ihr Leben beenden, hätte das nichts mit ihrem freien Willen zu tun. Wir würden sie schlicht allein lassen. Mit ihrem Leid.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Welcher Wille?</strong></p>
<p>Dass das mit dem &#8222;Freien Willen&#8220; nicht so eindeutig ist, wie die Sterbehilfe-Proponenten gerne darstellen, wissen nicht nur Psychologen und Juristen.  Die Frage ist von existentieller Relevanz im Alltag geworden, aber sie ist auch ein Dauerbrenner der Philosophie. &#8222;<em>Wir denken nicht eher an das, was wir wollen, als in dem Augenblicke, da wir es wollen; und verändern uns wie jenes, das die Farbe des Ortes annimmt, an welchen man es bringt. Wir ändern den einmal gefassten Vorsatz gar bald und kehren bald wieder um</em>&#8222;, beobachtete einst Michel de Montaigne (1533-1592).<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a> Schon klar, dass ein Rechtsstaat mit belastbaren Dokumenten arbeiten muss, aber schlafen wir ruhig in dem Zweifel, ob ein Sterbewilliger nur den bürokratischen Rückweg nicht mehr gefunden hat, jetzt tot ist, und eigentlich gar nicht sterben w.o.l.l.t.e.?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Teil II von 2 folgt <a href="https://turmderwinde.eu/gesellschaft/970/">hier</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Erzbischof Franz Lackner am 11.12.2020 zum VfGH-Urteil zur Suizidbeihilfe, abgerufen am 28.7.2021: <a href="https://www.bischofskonferenz.at/erklaerung/lackner-zum-vfgh-urteil-zur-suizidbeihilfe-diese-entscheidung-kann-kirche-nicht-mitvollziehen">https://www.bischofskonferenz.at/erklaerung/lackner-zum-vfgh-urteil-zur-suizidbeihilfe-diese-entscheidung-kann-kirche-nicht-mitvollziehen</a></p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Prof. Ulrich Körtner am 11.12.2020 zum VfGH-Urteil zur Suizidbeihilfe, abgerufen am 28.7.2021: https://science.orf.at/stories/3203509/</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Schirach von, Ferdinand: Gott. Ein Theaterstück, München 2020.</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> Montaigne de, Michel: Von der Unbeständigkeit unserer Handlungen, in Ders.: Essais. Mit einer Einführung von Henning Ritter und begleitenden Texten, Frankfurt am Main, März 2016, S. 96.</p>
<p>The post <a href="https://turmderwinde.eu/gesellschaft/sterbehilfe-schirachs-gott-und-die-kleine-alta-fuer-deren-ueberleben-zu-streiten-sich-lohnt-teil-i-ii/">Sterbehilfe, Schirachs Gott und die kleine Alta, für deren Überleben zu streiten sich lohnt &#8211; Teil I/II</a> appeared first on <a href="https://turmderwinde.eu">Turm der Winde</a>.</p>
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		<title>Das Boot</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2021 16:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Noch vor der Vereidigung des neuen österreichischen Gesundheitsministers, Wolfgang Mückstein, geht es auf Social Media hoch her. Schon kurz nach der Ankündigung dieser Personalie stellte sich der Wiener Arzt einer Pressekonferenz. Bei dieser Gelegenheit hatten ihn Journalisten natürlich auch gefragt,</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Noch vor der Vereidigung des neuen österreichischen Gesundheitsministers, Wolfgang Mückstein, geht es auf Social Media hoch her. Schon kurz nach der Ankündigung dieser Personalie stellte sich der Wiener Arzt einer Pressekonferenz. Bei dieser Gelegenheit hatten ihn Journalisten natürlich auch gefragt, wie er denn zu möglichen zukünftigen Lockdowns stehe. Die wenig überraschende Antwort: „Ich werde unpopuläre Entscheidungen treffen, wenn es nötig ist. Weil ich mich dazu als Gesundheitsminister und Arzt verpflichtet sehe.“<br />
Soweit so wenig Neues. Spannender war da schon ein Social Media Posting, welches sinngemäß meinte: „Schade, dass er Lockdowns befürwortet, so wird er nie alle ins Boot holen!“</p>
<p>Doch was ist dieses Boot und wer sitzt da alles drinnen? Zuerst mal zum zweiten Teil dieser Frage, immerhin ist die Antwort darauf geradezu trivial: Alle sitzen im Boot und zwar ob wir wollen oder nicht. Es ist niemand hineinzuholen und es kann auch niemand aus freien Stücken aus dem Boot aussteigen. Natürlich kann man ein Selfie mit einem Palmenfilter machen und behaupten man wäre in Wirklichkeit längst am rettenden Ufer, aber sobald der Akku aus ist, muss man sich wohl damit abfinden, dass man doch genauso weit ist, wie alle anderen auch. Bis hierhin ist es ja recht unproblematisch, wenn ein paar Leute nicht mitrudern wollen, ist das natürlich nicht optimal, aber solange der Großteil mitmacht kommt man schon an. Richtig schwierig wird es, wenn man sich klar macht, dass es in diesem Boot nur begrenzte Vorräte gibt. Wenn jetzt jene, die meinen, es wäre gar nicht nötig zu rudern, weil das ohnehin die Strömung erledigt, auch noch anfangen sich gegen die Rationierung der Vorräte zu wehren, dann kann es sein, dass es schlussendlich viele nicht an Land schaffen.</p>
<p>Mittlerweile haben wir aber auch schon diesen obengenannten Fall längst überschritten. Aktuell gibt es manche, die meinen man müsste in die Gegenrichtung rudern, immerhin habe uns die Ruderei der letzten Monate erst in diese Situation gebracht. Und ja, das hat sie. Die mühsame Ruderei hat uns an einen Ort gebracht, an dem die Möwen schon zu hören sind und das Land am Horizont auftaucht. Schön blöd wäre es, jetzt in die Gegenrichtung zu rudern. Was das Boot ist, sollte nun auch klar sein und auf das Ausgangsposting rekurrierend bleibt nur zu sagen: Du musst nicht ins Boot geholt werden, du bist schon drin. Aber bitte, bitte stör wenigstens auf den letzten Metern nicht den Kurs.</p>
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		<title>Ich habe ein Buch gekauft&#8230;</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Apr 2020 17:50:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich habe ein Buch gekauft. Oder vielmehr: Es ist ein Heft, eines dieser blauen Reclam-Heftchen, die für den Unterricht herausgegeben werden. Man soll damit etwas lernen oder üben. Gekauft habe ich es kurz vor dem #Lockdown in Österreich, jenem Moment,</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe ein Buch gekauft. Oder vielmehr: Es ist ein Heft, eines dieser blauen Reclam-Heftchen, die für den Unterricht herausgegeben werden. Man soll damit etwas lernen oder üben.</p>
<p>Gekauft habe ich es kurz vor dem #Lockdown in Österreich, jenem Moment, in dem sich, bedingt durch das #Coronavirus, das Leben auch in Graz vornehmlich ins Innere verlagert hat. Das Heftchen stammt aus dem Jahr 2012 und trägt die Nr. 15236 mit dem Titel &#8222;Der Essay. Texte und Materialien&#8220;.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> &#8222;<em>Wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay</em>&#8222;, hat Kurt Tucholsky 1931 geschrieben (&#8222;Die Essayisten&#8220;)<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a>. Der wusste also auch nicht so recht, was ein Essay ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><strong>Warum Schreiben</strong></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schreiben wollte ich immer dann, wenn ich etwas zu sagen hatte. Oder etwas von dem zu erzählen meinte, was ich gehört oder erfahren hatte. Bestenfalls sollte es nicht schon wer anders geschrieben haben. Das lernt man als Journalist. In Zeiten von #Covid19 sind solche Schreib-Impulse weniger von Belang. Es gibt eine Unzahl an Nachrichtenseiten, die dieselben Zahlen immer wieder vermelden. Nur halt mit neuem Titel. Wir erleben Experten (und Expertinnen), die wissen, dass schon alles gesagt ist, nur noch nicht von jedem. Und die den #Lockdown damit bewältigen, dass sie ihren Mitmenschen gut gemeinte Ratschläge geben: zum Backen, Kochen, Haushalten, Nachdenken, Schreiben, Vordenken, Turnen, Videostreamen, Aufregen, Abregen, Coolsein, zum Wüten und zum Trösten, zum Lernen, Studieren, Lehren, Forschen, Aufdecken, Einschätzen, Berichten und Sortieren, zum Putzen und zum Totschlagen der Zeit. #Covid19 offenbart die Fähigkeit des Mitteleuropäers, immer allen alles zu sein. Nur die Stille, die hat er sich abgewöhnt.</p>
<p>Schreiben war immer auch ein Instrument der Verarbeitung von Dingen, die einen Autor überfordern. Kommunikation therapiert. Man muss dazu nicht eigens Franz Kafka bemühen. Dessen &#8222;Prozess&#8220; beginnt bekanntlich mit &#8222;Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.&#8220; 2020 reicht es, in München auf einer Parkbank ein Buch zu lesen, um die ganze Skurrilität <a href="https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.polizei-tweet-sorgt-fuer-aufruhr-coronavirus-in-muenchen-aufregung-um-eine-parkbank.c581a805-7c73-45b8-9c26-d69da63db044.html">hyperaktiver Schutzmänner</a> am eigenen Leib zu erfahren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><strong>Lucky Luke und die Creatio Continua von Bürokraten</strong></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein besonderes Phänomen im #Lockdown sind Politiker, Journalisten oder A-, B- und C-Promis, Leute also, deren grundsätzliche Berufung es ist, anderen Menschen die Welt zu erklären. Und denen jetzt das Publikum fehlt. Oder die die Angst umhertreibt, mit sich selbst nicht fertig zu werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-184 aligncenter" src="https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/sc55.jpg?resize=248%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="248" height="300" srcset="https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/sc55.jpg?resize=248%2C300&amp;ssl=1 248w, https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/sc55.jpg?w=534&amp;ssl=1 534w" sizes="(max-width: 248px) 100vw, 248px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sie kompensieren den Ausfall mit erhöhter Aktivität im Mitteilen. Ein Haubenkoch im Stiefelstaat knallt eine Sentenz nach der anderen ins Netz, um seine Verehrung für die Hamas zum Ausdruck zu bringen. Garniert mit offen antisemitischen Auslassungen. Der Typ hat fast 180.000 Twitter-Follower. <a href="https://kurier.at/wirtschaft/karriere/zukunftsforscher-das-wird-die-welt-fuer-immer-veraendern/400787489">Zukunftsforscher</a> &#8211; was auch immer deren Berufung sein soll &#8211; erzählen uns in Interviews, warum sich mit und nach der Pandemie alles ändern wird. Und vielleicht doch alles bleibt wie es ist. Pasolini docet. Hobby-Kassandren erklären derweil, welcher Skandal oder welches Skandälchen das Land für immer <a href="https://www.addendum.org/coronavirus/interview-sprenger/">verändern wird</a>. Währenddessen servieren uns die Mächtigen täglich einen neuen Strauß an Gesetzen, Regeln und Beschlüssen. Mit bedeutungsschwangerer Miene und in Italien begleitet von andauernden Neufassungen entsprechend auszufüllender Formulare. Creatio Continua ist der theologische Begriff für diesen recht diesseitigen Aktivismus der Verwaltungsgötter. Lokalpolitiker garnieren den Salat zusätzlich mit eigenen Zutaten indem sie Maßnahmen interpretieren, erweitern oder auch nur loben. Ich lebe heute zwar in einer mittelgroßen Stadt, stamme aber ursprünglich aus der Provinz. In dieser verwandeln sich derzeit reihenweise kleingemeindliche Bürgermeister in eine Art &#8222;Lucky Luke&#8220;. Sie schießen schneller ein Photo als Dein Schatten auf eine Parkbank fallen kann. Mit moralinsaurer Buß-Predigt bist Du plötzlich Teil ihres Facebook-Instagram-Newsletter-Kreuzzuges. Und ein Gezüchtigter. Die trefflichste Beschreibung der Pandemie-Zeit stammt von einem italienischen Christdemokraten. Der hat zwar auf die eigene Regierung gezielt, aber wohl universal ins Schwarze getroffen. &#8222;Das einzig gelungene Screening der Regierungsmaßnahmen ist die psychische Katalogisierung der Italiener. In diesen Wochen erkennen wir die Unverantwortlichen, die Todängstlichen, die Hypochonder, die Phobiker, die für alles Unempfindlichen&#8220;, twittert er.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="size-medium wp-image-185 aligncenter" src="https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/gianfranco-rotondi.jpg?resize=300%2C155&#038;ssl=1" alt="" width="300" height="155" srcset="https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/gianfranco-rotondi.jpg?resize=300%2C155&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/turmderwinde.eu/wp-content/uploads/2020/04/gianfranco-rotondi.jpg?w=544&amp;ssl=1 544w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Beschimpfung können aber nicht nur die Zukurz-Gekommenen. Es funktioniert auch von &#8222;oben&#8220; nach &#8222;unten&#8220;. Die Bürger mögen sich &#8222;nicht wie Deppen oder Rechtsverdreher&#8220; gebaren, sagt der Kommandant der Gemeindepolizei von Bozen in einem Interview. Und er klingt, wie jener zornige Alte in der &#8222;Muppet Show&#8220;, dessen Bühne die Loge und dessen Stil die Schimpftirade ist. &#8222;<em>Pubertierende werden wohl immer dazu neigen, archaische Muster aufzurufen, wenn sie die soziale Bühne besteigen</em>&#8222;, schreibt die Publizistin Barbara Sichtermann in meinem Reclam-Heft<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a>. Covid19 ist zu einer Bühne geworden, auf der wir wochenlang Spackos sein werden.</p>
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<h2><strong>Theologie ist Wissenschaft über sich selbst</strong></h2>
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<p>Ein Feld, das die #Coronakrise besonders augenscheinlich umpflügt, ist die Theologie. Pastoraltheologen legen neue Blogs an, Priester und Ordensleute erklären, was der #Lockdown mit Exerzitien zu tun hat. Sowohl katholische als auch evangelische Fakultäten &#8211; so scheint es &#8211; haben die digitale Welt als neuen Locus theologicus entdeckt. Ganz ökumenisch. Alles Gesagte oder Geschriebene aber hat Adressaten, an die es gerichtet ist, sodann eine Absicht, die es verfolgt und schließlich einen Kontext, aus dem heraus es formuliert wurde. Geisteswissenschafter wissen das. Und Exegeten auch. Bei manchem schimmert deutlich durch die Zeilen, dass sein Texten das Abarbeiten einer eigenen Wunschliste ist. Man könnte ja gleich zur antiken &#8222;Hauskirche&#8220; zurückkehren. Schreibt ein in Wien tätiger Pastoraltheologe. Seine Textabsicht ist klar: Mit #Covid19 soll die Kirche endlich zur priesterlosen Gemeinde werden. Nach nicht einmal 48 Stunden und erwartungsgemäß zahlreichen Reaktionen, rudert der Professor zurück: Alles nicht so gemeint gewesen.</p>
<blockquote><p>Aber so blitzen tausend Brillen, so rinnt es aus tausend Exposés, tönt es aus tausend Reden, und das ist ihre Arbeit: Banalitäten aufzupusten wie Kinderballons. (Tucholsky)</p></blockquote>
<p>Wer in eine x-beliebige Socialmedia-Plattform #DigitaleKirche eingibt, erhält eine Flut an Segenssprüchen, mutmachenden Wünschen oder ansprechenden Bibelzitaten. Theologietreibende (so die geschlechtergerechte Bezeichnung) sprechen am Häufigsten von sich selber. Was schon länger so ist, im #Lockdown offenbart es sich deutlicher. Ein südwestdeutscher Theologe, der sich selbst für maßgeblich hält, versteigt sich gar zu dem bemerkenswerten Satz: &#8222;Eine solche Epidemie wird durch die Medizin, durch medizinischen Fortschritt bekämpft, aber nicht durch ein Bittgebet.&#8220; Was auch niemand, der bei Trost ist, je behauptet hätte. Aber der Bestseller-Theologe ist für &#8222;Großen Streit&#8220; immer zu haben. Und so nimmt er jene Riesen halt an, die eigentlich nur Windmühlen sind. Womit er sich eine ebenso freundliche wie ernste Einladung des Wiener Erzbischofs einhandelt: Der deutsche Theologe möge doch bitte das 19. Jahrhundert hinter sich lassen. Glaube und Wissen gingen nicht gegeneinander auszuspielen. Sagt Christoph Kardinal Schönborn im Interview mit dem „Kurier“<a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a>.</p>
<p>Die Textabsicht verändert unter Umständen die Aussage. Wenn der #Papst oder der Wiener Kardinal denselben Gedanken formulieren wie eine Primatenforscherin, dann verstehen die notorischen Christenskeptiker noch nicht dasselbe. Jane Goodall lässt kurz vor Ostern verlauten:  &#8222;Unsere Missachtung der Natur und unsere Respektlosigkeit gegenüber den Tieren haben die Pandemie verursacht&#8220;. Über diese Kausalkette könnte man zwar noch streiten, aber im Grunde sagt die Umweltaktivistin nur, was in #QueridaAmazonia längst alle Gläubigen wissen sollten. Die eine wird wie eine Säulenheilige herumgereicht, bei den anderen orten die notablen Meinungsmacher ein „vormordernes Weltbild“. Man kann Tucholsky durchaus prophetische Begabung zuschreiben: Es geht darum, &#8222;<em>Banalitäten aufzupusten wie die Kinderballons</em>&#8222;. Schrieb er 1931<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a>.</p>
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<h2><strong>#bleibtZuhause und #SeiRuhig</strong></h2>
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<p>Wer gemeint hat, er versäume mit den Pandemie-Maßnahmen das halbe Leben, hat sich geirrt. Vor lauter Informationen, die wir haben sollten und solchen, die uns nur noch mehr verrückt machen, dreht uns auch im #Lockdown der Kopf. Home-Working, Home-Schooling, Home-Training, Home-Lessons, Home-Concert: Auch #bleibtZuhause oder #StayHome vermögen keine Entschleunigung. Die Welt hat sich schon viel zu weit entwickelt, als dass uns eine Pandemie zur Trautsamkeit eines bukolischen Landhauses verdonnern würde. Was für Boccaccio (Il Decamerone) gut war, ist für uns ein Märchen. &#8222;<em>Nicht der Mangel, sondern der Überfluss an Informationen wird zu einem der größten Probleme der westlichen Zivilisation</em>&#8222;<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a>, hat der Schriftsteller Friedrich Christian Delius vorhergesagt. Das war im Jahr 2001. Da gab es noch keine Smartphones oder Tablets.</p>
<blockquote><p>Es ist eine Stille entstanden, ein Hinhören der Herzen, welches die wahrhaftigen Stimmen von den falschen Stimmen unterscheidet, die wahren Lichter von den künstlichen Lichtern. (Lepori)</p></blockquote>
<p>In der aufkommenden technologischen Revolution sah Delius damals die Notwendigkeit zum &#8222;Informationsmanagement&#8220;. Das sich ein jeder anzueignen habe: &#8222;<em>Die Fähigkeit zur Auswahl ist ein entscheidendes Kriterium für Bildung<a href="#_ftn7" name="_ftnref7"><strong>[7]</strong></a></em>&#8222;, meinte er. Das ist heute eine Binsenweisheit. Die Frage ist, wie sich Menschen diese Fähigkeit aneignen sollen. Der Trick liegt vermutlich darin, vom Mitteilen zum Hören umzuschalten.</p>
<p>&#8222;Nur in der Stille ertönen die seltenen Stimmen, die einem Herzen die Wahrheit zuflüstern&#8220;, sagt der Generalabt der Zisterzienser, Mauro Giuseppe Lepori, in einem langen Gespräch mit der italienischen Tageszeitung &#8222;Il Foglio&#8220;<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a>. Lepori verweist auf den Papst, der vor dem leeren Petersplatz steht. Auf die vielen Kirchen, die jetzt leer bleiben: &#8222;Es ist eine Stille entstanden, ein Hinhören der Herzen, welches die wahrhaftigen Stimmen von den falschen Stimmen unterscheidet, die wahren Lichter von den künstlichen Lichtern.&#8220; Für mich der beste Gedanke, den ich während der Pandemie bisher gelesen habe. Einer jener Sätze, für die ich ein Buch gekauft hätte.</p>
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<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Kellermann, Ralf: Der Essay. Texte und Materialien, Reclam 2012, Kurz: Reclam 15236</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Reclam 15236, S. 75</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Reclam 15236, S. 28</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Tageszeitung „Kurier“, 10. April 2020, S. 4-5</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Reclam 15236, S. 73</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> Reclam 15236, S. 60</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> Reclam 15236, S. 61</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> Tageszeitung „Il Foglio“, Ausgabe Nr. 87, 11./12. April 2020 (Jg XXV), Seite I</p>
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		<title>Diskussion, eine Frage des Etiketts?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eule]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2020 16:44:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Beobachtung der zeitgenössischen Diskussionskultur. Eine Notwendigkeit des zeitgenössischen Schreibens und der Wissenschaften generell ist es in einem bestehenden Raster zuordenbar zu sein. Dies ist dabei beileibe nichts Schlechtes, sondern ungemein hilfreich um einen Überblick zu erhalten, Ordnung zu bewahren</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h3>Eine Beobachtung der zeitgenössischen Diskussionskultur.</h3>
<p>Eine Notwendigkeit des zeitgenössischen Schreibens und der Wissenschaften generell ist es in einem bestehenden Raster zuordenbar zu sein. Dies ist dabei beileibe nichts Schlechtes, sondern ungemein hilfreich um einen Überblick zu erhalten, Ordnung zu bewahren und auch verwandte Fragestellungen zu finden. Wie ordnet man sich aber in dieses Raster, dieses System ein? Vorweg, es gibt nicht ein System schlechthin und auch nicht ein Ordnungssystem. Im wissenschaftlichen Kontext verzweigt sich jede Disziplin, nach den ihr eigenen Maßgaben, welche als je sinnvoll erachtet wurden in Unterdisziplinen, Forschungsgebiete, Spezialfragen und so fort. Literarisch versucht man mit Zeitzuordnungen, Gattungsbegriffen, Autorenphasen und dergleichen mehr eine Ordnung in das beinahe unüberschaubare Konvolut an Werken und Schriften zu bringen. Gerade hier liegt aber schon eine Problematik. Die unzweifelhaft notwendige Zuordnung eines Einzelwerkes, sei es wissenschaftlich, literarisch oder einer beliebigen anderen Sparte angehörig, ist bereits eine Annäherung an die Auslegung und Bewertung desselben. Bereits in der im letzten Satz getroffenen Kategorisierung in literarisch oder wissenschaftlich, wird bei erfolgter Einordnung eine Perspektive auf einen konkreten Text beispielhaft festgelegt. Natürlich mag es wenig sinnvoll sein einen wissenschaftlich intendierten Beitrag unter literarischen Gesichtspunkten zu lesen, dennoch ist es möglich und in gewissen Fällen sogar bereichernd. Doch was soll mit dem aufbrechen dieser Problematik bezweckt werden? Soll die Offenheit von Texten gezeigt werden? Sollen bestehende Ordnungssystem in Zweifel gezogen werden? Nein, weder das eine noch das andere.</p>
<p>Vielmehr soll aufgezeigt werden, dass es ohne Einordnung gar nicht (mehr) geht. Dabei handelt es sich nicht nur um ein wissenschaftliches Unvermögen, sondern, so wage ich zu behaupten, um ein menschliches. Das Bedürfnis Elemente der Lebensrealität zu klassifizieren und zu ordnen würde ich als mensch-immanentes Bedürfnis betrachten. Weiters, so scheint es zumindest, ist es sogar, wie oben angedeutet, eine Notwendigkeit. Aus der Einordnung heraus werden neue Sinnzusammenhänge greifbar, neue Denkwege offenbar und neue Synergien zu Tage gefördert. So wenig überraschend das auch ist, so geht mit der Systematisierung auch eine Problematik einher. Denn wo neue Perspektiven eröffnet werden, so werden durch das klassifizieren auch andere Blickwinkel verunmöglicht. Dem versucht man beizukommen, in dem man eine Vielfalt an unterschiedlichen Einordnungen parallel zulässt und so ein breites Spektrum an möglichen und vor allem untereinander vermittelbaren Perspektiven offenhält. Für die Diskussion im Allgemeinen bedeutet das, dass man natürlich im Vorhinein den eigenen Zugangsweg darlegt, ansonsten kann man weder über die Sache, noch über die Näherungsweise an dieselbige diskutieren. Wesentlich ist dabei aber nicht, dass alle Parteien dieselbe Herangehensweise an den Diskussionsgegenstand haben, sondern lediglich, dass jeder die des Gegenübers kennt. Es mag ja durchaus sein, dass für einen konkreten Fall ein Zugang besser geeignet ist als ein anderer.</p>
<p>Problematisch erscheinen nun folgende Punkte: Einerseits besteht die Gefahr den Diskussionsgegenstand aus den Augen zu verlieren und sich unentwegt über unterschiedliche Zugänge zu streiten. Dabei verschiebt man dann die zu diskutierende Sache auf eine Zugangs- oder Methodenfrage, was natürlich legitim ist, aber dann auch klar als solche für alle Parteien klar sein muss.<br />
Andererseits besteht die Gefahr, dass man aufgrund der Gewohnheit alles einzuordnen, zu katalogisieren und eben dahingehend mit einem Etikett zu versehen, den anderen, zumindest aber dessen Position ebenfalls zu etikettieren. Davon abgesehen, dass das wohl kaum dem Gegenüber wirklich gerecht werden kann, besteht die Gefahr, dass die Diskussion dadurch von jeglichem Inhalt entleert wird. Diese Etikettierungsprozesse sind nämlich nicht auf wenige konkrete Einzelne beschränkt, sondern vielmehr ein umfassendes Phänomen. Es ist durchaus denkbar, dass dieses durch den Anstieg der zu verarbeitenden Daten, die dem zeitgenössischen Menschen um die Ohren fliegen, ja, ihn sogar malträtieren können, geschuldet ist. In der Hoffnung nicht in einem Meer aus Information zu ertrinken, ordnet man die Datenflut in Pakete, etikettiert sie und evaluiert auf Basis des Etiketts, ob es wert ist, sich damit zu beschäftigen. Diese durchaus sinnvolle Herangehensweise ist als solche noch nicht problematisch, sondern scheint einfach Realität zu sein und notwendig um dieser beizukommen. Das Problem ergibt sich dann, wenn diese Strategie in abgewandelter Form in die Diskussion eingeht. Die Frage ist konkret: Nehme ich das Gegenüber, dessen Zugang und Argument in Hinsicht auf den Diskussionsgegenstand wahr, oder nur noch in Hinsicht auf das von mir (oder von anderen) vergebene Etikett? Denn wenn letzteres zutrifft, dann ist nicht nur die Diskussion als solche gegenstandslos, man könnte sogar fragen ob es sich überhaupt um eine Diskussion handelt, wenn es keine gemeinsame Basis gibt. Zusätzlich ist es die wohl umfassendste Geringschätzung des Gegenübers, wenn man es auf ein Etikett reduziert, auf das der betreffende zumeist nicht mal Einfluss nehmen kann. Für die Diskussion folgt aus der Gegenstandslosigkeit noch etwas: Sie wird beliebig, und damit sinnlos, sie hört schlicht auf im eigentlichen Sinne zu sein. Es wird vielmehr ein Gespräch, das keinen der Teilnehmenden bereichert, das keinen Mehrwert beinhaltet und das, so ist zu befürchten, lediglich die Etikettierungen durch das Unverständnis des Gegenübers verhärtet.</p>
<p>Was bleibt also? Bei aller Notwendigkeit Einzuordnen, zu katalogisieren und wohl auch zu etikettieren, darf eine Notwendigkeit nicht unter den Tisch fallen: Für die Diskussion ist es notwendig das Gegenüber vollumfänglich teilhaben zu lassen, nicht nur die eigene Meinung, das Etikett desselben.</p>
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		<title>Der Mensch als Verantwortungsträger – eine theologisch-ethische Perspektive</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eule]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jun 2019 10:15:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bereits im Schöpfungsauftrag kommt dem Menschen die „Herrschaft“ über die Geschöpfe des Himmels und der Erde zu. Wesentlich bleibt die Frage, welche Form von Herrschaft hier impliziert wird. Offenkundig ist eine totalitäre und absolute Herrschaft über die Schöpfung schon durch</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Bereits im Schöpfungsauftrag kommt dem Menschen die „Herrschaft“ über die Geschöpfe des Himmels und der Erde zu. Wesentlich bleibt die Frage, welche Form von Herrschaft hier impliziert wird. Offenkundig ist eine totalitäre und absolute Herrschaft über die Schöpfung schon durch Gottes Absolutheit schwer – oder besser unmöglich – denkbar. Doch warum sollte man sich überhaupt diese Frage stellen?</p>
<p>Konkret ist das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung ja gerade in den jetzigen Tagen ein besonders aktuelles Thema. Hinsichtlich des Klimaumschwungs und seiner Implikationen sowie der Schöpfungsverantwortung des Menschen, die mit dieser Thematik bzw. Problematik einhergeht, kann man katholischerseits auf die Enzyklika <em>Laudato Si</em> zurückgreifen. Bereits kurz nach ihrem Erscheinen zeigten sich erste Bestrebungen von Theologinnen und Theologen, der Reduktion von <em>Laudato Si</em> auf den ökologischen Aspekt entgegenzutreten, indem auch immer wieder die soziale Dimension des Dokumentes herausgestrichen wurde: Es gilt die Zerstörung der natürlichen Welt und die Zerstörung der menschlichen Umwelt gemeinsam zu denken. Auch die Maßnahmen, mit denen diesen Zerstörungen entgegengewirkt werden soll, dürfen nicht voneinander getrennt gedacht werden. Der Ausbeutung der Natur zu begegnen bedeutet daher auch der Ausbeutung der Menschen – gerade der Ärmsten, die am meisten unter den Folgen der Umweltzerstörung leiden – zu begegnen.</p>
<p>Begründet wird diese Verpflichtung gerade auch in der Schöpfungsverantwortung: Denn dem Menschen ist nicht nur die Schöpfung von Gott gegeben, sondern auch der Mensch selbst ist Geschenk Gottes an den Menschen (LS 38). Der Auftrag, der sich aus <em>Laudato Si</em> ableiten lässt, ist also auf der gemeinsamen Basis des Verhältnisses zwischen Menschen und Schöpfung gegründet. Diese Basis bildet die Verantwortung des Menschen gegenüber seiner Umwelt, die nicht als Herrschaftsverantwortung, sondern vielmehr mit einer Art Hegeverantwortung zu denken ist.</p>
<p>Im Rahmen dieser Verantwortungsfrage gilt es aber auch zu bedenken, was verantwortliches Handeln für den Menschen im Kontext von Umwelt und menschlichem Gegenüber heißt. Verantwortung in diesem Sinne wäre im Kern doch verbunden mit dem Begriff der Gerechtigkeit und dem Maßhalten. Gerechtigkeit beträfe hierbei die Ebene der Menschen untereinander und das Maßhalten die Ebene von Umwelt und Mensch. Diese Bezüge sind aber wechselseitig, sofern man von einer Gerechtigkeit der Umwelt gegenüber und einem Maßhalten der Menschen füreinander sprechen kann. Verantwortliches Handeln im Kontext der gesamten Schöpfung muss also auf den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Maßhaltens gründen, welche sich allgemein in Verantwortlichkeit synthetisieren lassen.</p>
<p>Problematisch ist, wie <em>Laudato Si</em> festhält, nicht das grundlegende Verhältnis zwischen dem Menschen und der Schöpfung, sondern vielmehr das abhandengekommene Verantwortungsbewusstsein: das Verantwortungsbewusstsein sowohl dem Nächsten gegenüber – obgleich hier wohl eher von „den Fernsten“, jener am Rande unserer global-ökonomischen Welt, die Rede sein sollte – als auch der Schöpfung gegenüber. Dieses Nicht-Nachkommen in Bezug auf Verantwortung ist nicht nur sozio-ökonomischer/politischer Natur („Die großen Firmen/die Staaten müssen etwas tun!“); es ist hingegen auch persönlicher Natur („Ich kann nichts ändern.“). Dabei soll hier nicht zum zigsten Male die Macht des Einzelnen hochstilisiert werden und ein die Fundamente unsere Lebensstile betreffender Änderungsappel ausgerufen werden – so berechtigt diese auch sein mögen – denn sie gibt sie nämlich schon zur Genüge.</p>
<p>Es soll hier eher folgende Frage aufgeworfen werden: Was geschieht, wenn niemand mehr die Verantwortung wahrnimmt, die aus dem Schöpfungsauftrag resultiert? Nicht nur, dass der Schöpfung und den Menschen massiver Schaden zufügt wird; es wird ebenso konkret mit der grundlegenden Aufgabe, die von Gott dem Menschen zugekommen ist, gebrochen. Dieses, neben der Gottesebenbildlichkeit, zweite Wesensmerkmal des Menschen würde gerade durch das Verabsäumen von menschengerechtem Handeln nichtig werden. Der Mensch würde sich selbst eines Teils seines Wesens berauben.</p>
<p>Ist also mit allen Mitteln und auf radikale Weise die Umwelt und das Klima um des Menschen willen zu retten? Nein. <strong>Der Mensch</strong> ist <em>Laudato Si</em> folgend radikal und mit allen Mitteln um der Schöpfung- <strong>und</strong> seiner selbst willen zu retten. Und mit ihm auch die Umwelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dieser Text nimmt maßgebliche Impulse aus einem Text von Univ.-Prof. Dr. Leopold Neuhold auf:</p>
<h5 class="kfuFPZitateAutoren">Neuhold, Leopold: Laudato si: Christliche Gesellschaftslehre mit neuen Akzenten &#8211; Gedankensplitter. In: Gesellschaft und Politik: Zeitschrift für soziales und wirtschafliches Engagement. 52,1. 2016. 87-95.</h5>
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		<title>Aufmerksamkeit um jeden Preis?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eule]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 11:25:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Am 22.6 verweigerte die vatikanische Frauenfußball-Mannschaft ihr Debutspiel gegen den FC Mariahilf in Österreich. Der Grund war eine Provokation, der Spielerinnen des FC Mariahilf. Diese zeigten beim Abspielen der vatikanischen Hymnen Protestbotschaften, welche die Haltung der Kirche hinsichtlich Abtreibung und</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Am 22.6 verweigerte die vatikanische Frauenfußball-Mannschaft ihr Debutspiel gegen den FC Mariahilf in Österreich. Der Grund war eine Provokation, der Spielerinnen des FC Mariahilf. Diese zeigten beim Abspielen der vatikanischen Hymnen Protestbotschaften, welche die Haltung der Kirche hinsichtlich Abtreibung und Homosexualität kritisierten. Teils waren diese Botschaften auf die Körper der Frauen gemalt. Nach Rücksprache mit dem Nuntius verweigerten die vatikanischen Spielerinnen am Spiel teilzunehmen.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p>
<p>An sich ein kleiner Vorfall, der die Frage aufwirft wie politisch darf/soll Fußball sein. Diese Frage soll aber nicht die primäre sein. Vielmehr stellt sich die Frage wie darüber berichtet wurde und welchem Ethos die Publizierenden hierbei folgten. Auf der ersten Seite der Google-Suchergebnisse im Bereich Nachrichten titeln von den acht angezeigten Nachrichtenmedien, vier mit „Eklat“ (Kronen Zeitung, Kleine Zeitung, ORF, der Standard). Zwei andere Medien erweckten den Anschein, dass die Entscheidung nicht zu spielen, nicht von den Spielerinnen, sondern vielmehr von oben herab getroffen wurde („Skandal in Simmering: Der Vatikan pfiff seine Frauen zurück“ – Kurier; „Frauen-Fußball: der aufgemalte Uterus war dem Vatikan zu viel“ – welt.de). Ethisch problematisch ist, dass hier einer Institution offensichtlich mit einem Bild verknüpft wurde, dass es zumindest einzelnen Journalisten nicht erlaubte zu denken, diese Entscheidung sei nicht von oben herab.</p>
<p>Hinsichtlich Kirche und Berichterstattung gab es in dieser Woche ein zweites Beispiel, welches für Aufruhr sorgte. Das Nachrichtenmedium katholisch.de betitelte gestern den Bericht über die römische Fronleichnamsprozession mit „Papst: Jesus hat kein Brot vermehrt – er lehrte Menschen zu teilen“. Darauf hin brach in gewissen sozialen Medien ein Aufruhr aus, dass der Papst das Brotwunder – und die Speisung der 5000 revidiert habe. Dabei schaukelten sich zwei Seiten auf, jene die einen fundamentalen Bruch mit dem Evangelium verorteten und dem Papst Apostasie vorwarfen und jene die tatsächlich den Artikel gelesen hatten und der Gegenseite vorwarfen uninformierte Hardliner zu sein, an denen eine Reform der Kirche scheitern würde. Ungeachtet der Reaktionen ist die Frage zu stellen, ob das Nachrichtenmedium mit dem gewählten Titel nicht bewusst Unruhe stiftete. Möglicherweise in der Intention Aufmerksamkeit zu generieren, was ja auch gelang, trotzdem sollte man sich bewusst sein, dass allein die Wahl des Titels Meinungen bildet und Konflikte verschärfen kann.</p>
<p>Ethisch stellt sich hier natürlich die Frage: Kann man von Journalisten verlangen ihre Titel und Artikel so anzupassen, dass diese möglichst wenig anecken? Natürlich nicht. Kann man von der Gegenseite verlangen, dass sie die Artikel effektiv lesen bevor sie sich eine Meinung bilden? Vermutlich ja, aber nicht mit Sicherheit. So stand auch in den meisten Berichten über das abgesagte Fußballspiel, dass die Spielerinnen nicht antreten wollten, trotzdem kam dieser Umstand nicht unbedingt in den Reaktionen der Menschen vor. Damit obliegt die Verantwortung bei beiden Seiten. Irreführende aber Aufmerksamkeit erregende Titel sind ebenso zu unterlassen, wie uninformiertes und oft auch polemisches Agieren in den Sozialen Medien. Hier kommt beiden Parteien eine besondere Verantwortung zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Nachtrag vom 24.06.2021: Laut Twitter-User Sascha Düerkop (@SaschaDueerkop) wollte der Großteil der Mannschaft des Vatikan trotzdem spielen. <a href="https://twitter.com/SaschaDueerkop/status/1408038836798636037?s=20">https://twitter.com/SaschaDueerkop/status/1408038836798636037?s=20</a></p>
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